Rahmenthema 2010
Orientieren durch Hören und Musik
Freitag, 26. Februar 2010: Leben mit der Musik
Dr. Friedrich Bielfeldt (Hanseatisches-Kulturkontor)
und der
Hamburger Chor Cantonal unter der Leitung von Wilhelm Meyer-Faber
Freitag, 23. April 2010: Wie Musik für uns Bedeutung hat
Prof. Dr. Christian Rolle, Hochschule für Musik, Saarbrücken
verlegt auf den 10.9.2010
Freitag, 10. September 2010: Wie Musik für uns Bedeutung hat
Prof. Dr. Christian Rolle, Hochschule für Musik, Saarbrücken
Freitag, 19. November 2010: Lied & Leben
Anmerkungen zu Sprache und Musik am Beispiel von Bob Dylan
Dipl. Psych. Dietwalt Ost, Hamburg
Veranstaltungshinweise
Ort: Hamburg, Schwanenwik 29, c/o D. Ost, 1. Stock
Zeit: jeweils 20.00 bis ca. 22.30 Uhr
Leitung/Info: Dr. Arnold K.D. Lorenzen
Zum Rahmenthema: Orientieren durch Hören und Musik.
"Die Dinge singen hör ich so gern" (Rilke)
In einem Aufsatz von 1786 “Was heißt: sich im Denken orientieren?“ erörtert Immanuel Kant die Bedingungen, unter denen ein Sichorientieren im Raum, in der Welt, aber auch im Denken stattfindet. Er weist dabei nebenbei auf die besondere Rolle visueller Vorstellungen beim Philosophieren hin.
In der Tat ist seit den Griechen das Sehen der Leitsinn der Philosophen. Nicht nur für Platons Sonnen- und Höhlengleichnis, für die gesamte griechisch geprägte Tradition gilt: alles, was da ist, ist etwas im weitesten Sinne Visuelles, etwas Sichtbares, Gesehenes, zu Sehendes. Auch Geistiges muß also sichtbar gemacht werden, indem es gleichsam vor ein geistiges Auge geführt wird. Dementsprechend haben wir noch heute zahlreiche Licht- und Sehmetaphern in Gebrauch: Aufklärung, Einsicht, Ansicht, Hinsicht, Klarsicht, Übersicht, Evidenz, geistiges Auge, Gedankenblitz, das leuchtet mir ein usw.
Der Musikforscher Joachim-Ernst Berendt (1922-2000) analysiert dagegen die historischen, kulturellen, philosophischen, religiösen, medizinischen und physikalischen Aspekte des Klanges. Er hält die vorrangig visuelle Orientierung für einseitig: „Sie trübt und verfälscht unsere Weltwahrnehmung.“
Berendt erinnert insbesondere die alte indische Kultur (aber auch z. B. an Pythagoras), in der nicht das Auge, sondern das Ohr als wichtigster menschlicher Sinn galt. Die Welt sei wesentlich durch den Klang geprägt (Nada Brahma, Die Welt ist Klang). Deshalb müsse auch wieder der Hörsinn zur Geltung kommen. “Das Ohr ist der Weg” heißt es in den Upanishaden, die Götter schufen die Welt aus Klang und Musik. Es gelte daher Geräusch, Klang, Laut, Sprechen, Singen, Musizieren sowie den korrespondierenden Hörsinn als Weltgründe und Erkenntnisweg zu rehabilitieren. Das Organ Ohr sei überdies passiver, rezeptiver als das scharf konturierende „männliche“ Auge, das Ohr erlaube eine empathischere Haltung als der distanzierende Gesichtssinn. Der Hörsinn erschließe somit andere und durchaus tiefe Möglichkeiten zur Orientierung.
Die Welt des Hörbaren, Ausbildung des Ohres, Singen und Musizieren sind aus dieser Perspektive Möglichkeiten der Bildung und der Weltorientierung. Auch das Denken ist schließlich eng mit der Lautgebung, dem sprachlichen Fragen und Antworten verbunden. Eine spannende Frage ist daneben die nach den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Sehgemeinschaften und Gemeinschaften beim Hören bzw. Singen (Chor) und Musizieren.
Wir werden hören! „Höre, mein Herz, wie sonst nur Heilige hören…“ (Rilke)
Ob das Hören tatsächlich ein angemessener Weg sei zur Orientierung, bezweifelt hingegen Hans Eisler. In einem Gespräch mit Hans Bunge gibt er zu Bedenken:
[Hans Bunge] "Meinen Sie, wenn Sie von einem zurückgebliebenen Ohr und vom schlechten Hören sprechen, dass das Ohr sich langsamer als das Auge an neue Sinneseineindrücke gewöhnt und am längsten alten Sinneseindrücken nachhängt?"
[Ja] "Das Ohr ist zurückgeblieben.[…] Das Ohr ist einfach etwas Archaisches, Dumpfes. Es ist nicht mitgekommen. Es ist irgendwie noch ein Rückblick, eine Erinnerung an den Zustand der alten Kollektive vor Hunderten von Jahren. Das Ohr ist träge und faul. Mit dem Ohr hören, heißt eigentlich: zurückgeblieben sein."
Rainer Maria Rilke
Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.
Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.
Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.
Rainer Maria Rilke: Die frühen Gedichte
[…]
Stimmen, Stimmen. Höre, mein Herz, wie sonst nur
Heilige hörten: daß sie der riesige Ruf
aufhob vom Boden; […]
Rainer Maria Rilke: Duineser Elegien
Vorschau 2011: Orientieren durch Kunst
